Der Meditationsweg im Naturpark Ammergauer Alpen verlangt weder sportliche noch spirituelle Höchstleistungen. Vielmehr lädt der Weg zum Betrachten ein, zum Abschalten und zum Klarheit finden. Ganz nebenbei bietet die Tour bayerische Kultur und architektonische Kleinode in einer atemberaubenden Voralpenlandschaft
Sanfte Voralpengipfel, saftige Almwiesen, eindrucksvolle Kulturlandschaft. Der Naturpark Ammergauer Alpen verspricht seit jeher Ruhe und unberührte Natur. Ein zeitloses Refugium der Stille, das schon König Ludwig II. und sein Vater Maximilian II. zu schätzen wussten. Und natürlich Generationen von Berg- und Naturfreunden. So auch Kiki und Chris Geigl vom Instagram-Kanal „sowhatwetravel“ aus München. Wann immer es geht, lassen die passionierten Wanderer das laute Stadtleben hinter sich und suchen Zuflucht und unvergessliche Momente in den Bergen.
Mit ihrer Leidenschaft sind sie längst nicht mehr allein. Wandern ist ein Trendsport. Oder sollte man besser sagen – Rennsport? Tatsache ist, dass immer mehr Naturliebhaber der Hektik der Städte entfliehen, ihre innere Unruhe aber mitnehmen. Was zählt, sind Geschwindigkeit, Höhenmeter und Gipfelsiege. Und darüber wird auf den Hütten leidenschaftlich diskutiert.
Diesmal soll alles anders werden. Kiki und Chris wollen die (Vor)-Alpen nicht mehr als Wettkampfarena erleben, sondern als echten Rückzugsort. Den Alltag hinter sich lassen, die Natur in all ihrer Schönheit und Stille genießen. Schritt für Schritt, Atemzug um Atemzug. Die Zeit vergessen. Am Ende wird es so viel mehr sein, was ihnen der Meditationsweg Ammergauer Alpen schenkt.
Große Aufgaben in Einzelteile zerlegen
Der Meditationsweg Ammergauer Alpen beginnt offiziell an der Wieskirche im Pfaffenwinkel. Auf rund 85 Kilometern schlängelt er sich durch das hügelige Vorland der Ammergauer Alpen, folgt dem Lauf der Ammer, erklimmt auf Wunsch das Hörnle und endet am Schloss Linderhof im Graswangtal, dem Lieblingsort des Märchenkönigs Ludwig II. Man muss kein erfahrener Bergfex sein, um die Tour in fünf Tagen zu erwandern. Wer möchte, plant einfach mehr Zeit ein. Was wie eine Mammutaufgabe klingt, entpuppt sich als perfekte Gelegenheit zum Abschalten. Und wie so oft im Leben lohnt es sich, die große Aufgabe in ihre Einzelteile zu zerlegen. So besteht die ganze Runde aus 15 Sehenswürdigkeiten und Kraftorten, die auch individuell miteinander kombiniert werden können. „Auf meinen geführten Wanderungen sind die Tagesetappen in der Regel zwischen 10 und 15 Kilometer lang. Die wichtigsten Voraussetzungen sind Freude an der Natur und Lust auf Bewegung“, bestätigt Norbert Parucha, Achtsamkeits-Coach und Initiator des Meditationswegs Ammergauer Alpen.

– 1 Das Vordere Hörnle ist von grünen Wiesen umgeben. – 2 Morgenstimmung am Soiener See. – 3 Am Ammerdurchbruch Scheibum hat das Wasser eine spektakuläre Schlucht geschaffen. – 4 Der steile Aufstieg zum Hinteren Hörnle belohnt mit einer spektakulären Aussicht
auf die Bergwelt.
Die erste Etappe endet in Bad Bayersoien, das zugleich am Soier See und am Fluss Ammer liegt. Ein freundlicher Ort mit bunt gestrichenen Häusern und dörflichem Flair. Erster Höhepunkt: die Abendstimmung am Soier See. Friedlich und idyllisch. Sanfte Hügel und Wolken spiegeln sich im ruhigen Wasser. Wellen plätschern ans Ufer, Vogelgezwitscher erfüllt die klare, frische Luft. Eine Atmosphäre der Ruhe, die zum Innehalten und Genießen einlädt. Ihren ersten Lieblingsplatz hat Kiki schon gefunden. „Einfach dasitzen, aufs Wasser schauen und der Natur zuhören. Wann mache ich das schon mal?“
Der Weg ist das Ziel
Zeit haben. Das ist das Ziel des Meditationswegs. Denn anders als der Name vermuten lässt, geht es nicht darum, stundenlang im Schneidersitz zu sitzen. Vielmehr geht es darum, achtsam mit sich und der Natur umzugehen. Nach innen zu lauschen, sich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Es geht um den Weg. Sich Zeit nehmen. Norbert formuliert es so: „Das Wichtigste ist, dass jeder seinen ganz persönlichen Schritt findet. Ohne Zeitdruck offen sein und wahrnehmen, was einem begegnet. Mit allen Sinnen im Moment sein.“
Entlang der Ammer geht es weiter durch herrliche Moorlandschaften. Insekten summen, Vögel zwitschern. Leise rauscht der Wind durch das hohe Gras, kleine Wasserläufe plätschern. Hat da nicht sogar ein Frosch gequakt? Dann der Ammerdurchbruch Scheibum, ein Kraftort im wahrsten Sinne des Wortes. Hier, wo das tosende Wasser im Lauf der Jahrtausende eine tiefe Schlucht in den Felsen geschliffen hat, taucht man förmlich ein in das pulsierende Herz der Natur. Wild und ungestüm wirken die hohen Felswände, die von Spalten und Rissen durchzogen sind. An manchen Stellen wachsen Moose und Farne, die den Wänden einen grünen, lebendigen Anstrich verleihen.

– 1 Der idyllische Steg am Soiener See lädt zum Verweilen und Naturgenießen ein. – 2 Das imposante Kloster Ettal ist auch heute noch ein aktives Benediktinerkloster. – 3 & 5 Auf der Hörnle Hütte stärken sich Wanderer im Sommer wie im Winter – erreichbar auch mit der Hörnlebahn. – 4 Die Wanderkarte zeigt den Verlauf des Meditationswegs.
„Natürlich kann man die Tour auch allein machen“, sagt Chris. Denn der Weg ist bestens ausgeschildert. Wer will, kann sein Gepäck sogar transportieren lassen. „Aber mit Norbert ist es schon ein Erlebnis. Er erdet, strahlt Ruhe aus und holt einen wieder ins Hier und Jetzt zurück, wenn man mal abdriftet. Er regt zum Nachdenken an.“ Aber auch wer allein unterwegs ist, kommt an Denkanstößen nicht vorbei. Immer wieder laden Inspirationstafeln mit kleinen Weisheiten zum Nachdenken und Innehalten ein.
Langsam Klarheit gewinnen
Genau darum geht es Norbert. Die Dauer des Unterwegsseins ist nicht wichtig. Viel wichtiger ist der Moment, die Wahrnehmung der Natur um einen herum, die Gedanken, die kommen und gehen. „Die Menschen sollen merken, dass sie diese Erfahrungen auch im Alltag machen können und dadurch gelassener werden“, sagt der Coach. Tatsächlich nimmt Kiki die Erlebnisse an der Ammer mit nach Hause. Und auch Norberts Worte. „Bei sich bleiben, keine falschen Vergleiche ziehen, sich nicht mit anderen messen. Ich habe das Wandern neu entdeckt. Höhenmeterfressen und Geschwindigkeitsvergleiche haben definitiv an Bedeutung verloren.“ Warum auch, wenn das Besondere im Detail liegt?
„Bei sich bleiben, keine falschen Vergleiche ziehen, sich nicht mit anderen messen. Ich habe das Wandern neu entdeckt. Höhenmeterfressen und Geschwindigkeitsvergleiche haben definitiv an Bedeutung verloren.“
Und dann ist da noch die Hörnle-Gruppe. Ein Abstecher? Immer wieder gibt der Meditationsweg den Blick frei auf das heimliche Wahrzeichen der Ammergauer Alpen. Drei nicht gerade hohe Gipfel, umgeben von grünen Wiesen. Für Geübte kein Problem. Doch der Schein trügt. Was aus der Ferne sanft und leicht erscheint, ist in Wirklichkeit ein steiler Aufstieg. Abhilfe schafft auf der dritten Etappe die Hörnle Schwebebahn ab Bad Kohlgrub. „Das Hörnle haben wir trotzdem zu Fuß erklommen“, sagt Chris. „Nicht, weil es uns auf die Leistung ankam, sondern weil uns das Gipfelerlebnis ein starkes Gefühl der Erfüllung gibt.“ Er lächelt. „Langsam und bedächtig natürlich. Und so soll es auch in Zukunft bleiben.“

– 1 Die Wegtafeln laden zum Innehalten und Nachdenken ein. – 2 Achtsamkeitscoach Norbert Parucha strahlt Ruhe aus. – 3 Der Blick auaf Oberammergau ist genauso bezaubernd wie die dortigen Lüftlmalereien. – 4 Schloss Linderhof ist das einzige Schloss, das König Ludwig II. vollständig fertigstellen konnte. – 5 Idyllische Rast am Fuß der Kofelspitze.
Bewusst langsam starten die beiden auch am vierten Tag vom Passionstheater in Oberammergau auf dem Grottenweg Richtung Benediktinerkloster Ettal. Und ebenso achtsam geht es am letzten Tag zum Schloss Linderhof. Der Blick vom Naturschutzgebiet Weidmoos auf die Alpen ist beeindruckend. Kein Wunder, dass schon Maximilian II., der Vater von König Ludwig, diese Gegend als Sehnsuchtsort und Jagdrevier wählte. Langsam geht das malerische Hochmoor in Wiesen über, die von glucksenden Bächen durchzogen werden. Irgendwann, am Ende des wildromantischen Graswangtals, lichtet sich die Natur. Schloss Linderhof taucht auf. Mit ihm die goldenen Türmchen und der weitläufige Park. Märchenhaft und unwirklich. In jeder Hinsicht ein Ort, an dem Zeit wohl nie eine Rolle gespielt hat.
Ausgangspunkt: Wieskirche (876 Meter)
Ziel: Schloss Linderhof (952 Meter)
Streckenlänge: rund 85 Kilometer
Höhenunterschied: 1100 Höhenmeter
Zeitbedarf: 5 bis 8 Tagesetappen
- Der Meditationsweg Ammergauer Alpen führt vom UNESCO-Weltkulturerbe Wieskirche (876 Meter) durch das Ammertal in 14 weiteren Etappen unterschiedlicher Länge bis zum Schloss Linderhof (952 Meter).
- Unterwegs passiert man unter anderem Bad Bayersoien (812 Meter), Bad Kohlgrub, Saulgrub, Unter- und Oberammergau (837 Meter) sowie Ettal (877 Meter).
- Auf einem Teil der Tour aufs Mittlere Hörnle (1496 Meter) kann die Bergbahn genommen werden.
- Die Streckenabschnitte können auch einzeln oder in veränderter Reihenfolge gegangen und/oder entsprechend verkürzt werden.
- Der Meditationsweg kann sowohl geführt als auch individuell erwandert werden.
- Individuelle Tour: Wer sich ohne Guide auf den Weg machen möchte, kann die Tour auch als Paket mit Übernachtungen und Gepäcktransport buchen.